Utopie ade – Science Utopias Festival

Büro für überflüssige Worte beim Science Utopias Festival, 5.–7.6.2026 im Palmengarten Frankfurt

Utopie – ade

Das große Glashaus von 1867 ist ein beeindruckender Ort und das historische und ästhetische Zentrum des Frankfurter Palmengartens. Eine Art gigantischer Wintergarten in einer damals völlig neuen Stahl-Glas-Bauweise, die auf die Pariser Weltausstellung zurückgeht. Neben dem eigentlichen Palmenhaus beinhaltet es mehrere etwas kleinere, aber immer noch beeindruckende Glashaus-Galerien für besondere Ausstellungen.
Zweifellos der schönste Ort, an dem ich mein Büro für überflüssige Worte bisher aufbauen konnte, aber auch der Ort, der am stärksten mit der dunklen kolonialen Geschichte des Palmengartens verbunden ist. Hier suche ich im Auftrag des „Science Utopias“-Festivals nach der Sprache der Zukunft, einer Sprache, die frei ist von all dem Sprachballast und Wortmüll, den toxischen und bösen Begriffen, all den Sprechblasen, Modewörtern, schrecklichem Denglisch, den irreführenden Euphemismen, den leeren Versprechungen und den propagandistischen Narrativen. Das Festival hat den Anspruch, neue Formen der Wissens- und Wissenschaftskommunikation zu erkunden. Das Büro als Sprachforschungseinrichtung, als mikrowissenschaftlicher Betrieb. Immerhin kann ich ja schon an den Kongress „Poesie und Wissenschaft“ andocken.

Am ersten Tag stehe ich im Eingangsbereich. Die meisten Besucher wollen zur legendären Rosenschau, zu der es rechts vom Eingang geht und die traditionell Freizeitgärtner:innen und Verliebte anzieht. Die Galerie auf der anderen Seite dient den Veranstaltungen des „Science Utopias Festivals“. Heute gibt es ein Klima-Wine-Tasting. Am zweiten Tag bin ich Teil des Marktes der Möglichkeiten, bei dem sich verschiedene Wissenschafts-, Umwelt- und Klimaprojekte vorstellen, von den Pfadfindern, die mit einem Zelt dabei sind, über die Umweltbibliothek des Urban-Gardening-Projektes „Gemüseheldinnen“ oder das spannende Projekt der Biomimetik.


Mein Büro ist eine lange Bierbank mit einem weißen Tischtuch vor drei weißen Pinnwänden. Der Tisch ist so lang, dass ich mir ein paar Topfpflanzen besorgen muss, um die Leerstellen zu füllen. Der Palmengarten ist schon vormittags gut mit Besuchern gefüllt. Zahlreiche junge Pärchen pilgern zur Rosenschau, aber auch ältere Damen und Herren, teils in Rollstühlen und Rollatoren. Ganze Besuchergruppen werden durchgeschleust. Die Leute sind offen und neugierig. Noch bevor ich mich richtig eingerichtet habe, stehen schon die ersten Besucher an und wollen wissen, um was es hier geht.


Eines der ersten Wörter, die als überflüssig abgegeben werden, ist ausgerechnet „Utopien“. Die Utopien der Wissenschaft sind ja das Thema des Festivals. Utopien würden die Menschen davon abhalten, „ins Doing“ zu kommen. Interessant – bei einem anderen Projekt hatte jemand „ins Doing kommen“ als überflüssiges Denglisch abgegeben. Ich glaube, ich verstehe den Punkt, den die Dame machen will. Wer sich ausschließlich auf ferne und möglichst perfekte Utopien konzentriert, dem scheinen all die vielen kleinen und mühsamen Schritte, die es im Alltag zu machen gilt, vielleicht als Klein-Klein, bei dem man das große Ganze aus den Augen verliert. Wer ständig seine Augen auf das utopische Fernziel richtet, übersieht vielleicht die Möglichkeiten, die es in der Gegenwart gibt, und baut Erwartungshürden auf, die kaum zu überwinden sind. Gleichzeitig machen es sich manche Utopisten auch wieder zu einfach, wenn sie glauben, man müsse nur ein einziges großes Hindernis beseitigen, z. B. „das System“ oder „den Kapitalismus“, um den utopischen Zustand zu erreichen. Wir wissen auch aus der Geschichte, dass utopische Gesellschaftsmodelle, die nicht funktionieren, in Dystopien kippen können. Andererseits motivieren Utopien Menschen; sie geben ihnen Hoffnung, ein Ziel. Menschen mögen es, für etwas Großes aktiv zu werden, eine Idee, die größer ist als sie selbst. Sie hoffen, Teil dieses Großen zu werden. Sie sehen Sinn darin, einen Teil zum „Großen“ beizutragen, und können dafür aufopfernd und selbstlos werden. Auch Wissenschaft hat sich zweifellos immer wieder von Utopien inspirieren lassen – von utopischen Gesellschaftsmodellen wie bei Thomas Morus oder Karl Marx oder von utopischen Technikvorstellungen wie dem Traum vom Fliegen, dem ewigen Leben. Es muss einen Grund geben, warum sich Menschen immer wieder auf die Suche nach Utopien begeben und warum sie andererseits so deprimiert sind, wenn diese Utopien scheitern.

Die klassischen Utopien sind die religiösen Erlösungs- und Paradiesvorstellungen. Aber auch säkulare Utopien funktionieren ähnlich. Die Utopie eines fröhlichen „Arbeiter- und Bauernstaates“, die Utopie der Aufhebung von Herrschaft, die Utopie von ultimativer Gerechtigkeit, die Utopie von absoluter Freiheit, die Utopie von einer Gesellschaft der Gleichheit und Gleichberechtigung, die Utopie einer diskriminierungsfreien, einer klimagerechten Gesellschaft sind auch Paradiesvorstellungen. Es sind Vorstellungen, die uns motivieren, auf solche Fernziele hinzuarbeiten, auch wenn wir wissen, dass ihre Verwirklichung unrealistisch ist. Problematisch werden diese Utopien erst, wenn man sie nicht mehr als Fernziel-Utopien wahrnimmt, sondern versucht, die Utopien hier und jetzt sofort umzusetzen, gegen alle Widerstände, notfalls mit Gewalt. Wenn man glaubt, dass das Nichterreichen der Utopie nur an der Sabotage bestimmter Gruppen liegt. Wenn Sündenböcke dafür verantwortlich gemacht werden, dass die eigenen unrealistischen Ideen nicht funktionieren.
Gegenwärtig suchen die Menschen wieder verzweifelt nach einem Gegenentwurf zu einem „System“, das sie als zerstörerisch empfinden. Daher auch die Bereitschaft, zunehmend radikale Schritte zu unternehmen. Es scheint die Menschen nicht so sehr zu interessieren, ob sie noch 50 Euro mehr oder weniger Bürgergeld oder Rente bekommen. Sie wollen eine Perspektive, eine Idee, eine Utopie, eine Richtung. Dieses Bedürfnis wird natürlich auch von den Rattenfängern radikaler Gruppen und Parteien genutzt. „Disruption“ ist so ein Begriff, der aktuell gerne genutzt wird. Der gordische Knoten soll mit einem Schwerthieb durchgehauen werden. Die gegenwärtige Politik soll radikal umgestürzt werden. Man möchte einen (oder mehrere) Risse erzeugen. Die Neuen Rechten wollen ganz offen die Spaltung der Gesellschaft nutzen, um letztlich die aktuelle liberale Demokratie zu sprengen. Die Radikale Linke will „Sand ins Getriebe“ streuen oder das „System“ gleich ganz niederbrennen (burn down the system). Auch einzelne Umwelt- und Klimaaktivisten sind bereit, das „System“ lahmzulegen oder zum Einsturz zu bringen, und sabotieren gerne mal Strommasten und Bahnschienen. Alle hoffen darauf, dass nach einem Kollaps des gegenwärtigen Systems automatisch eine neue, bessere, gerechtere, freiere, umwelt- und klimafreundliche Welt erwächst, am besten mit garantiertem Grundeinkommen, mit anderen Worten: das Paradies.   

Von der Utopie zu den Hausaufgaben. Ein Mädchen möchte gleichzeitig die Mathe- und Deutscharbeiten loswerden. Die schriftlichen Leistungsprüfungen haben Generationen von Schüler:innen traumatisiert. Solche Prüfungen abzuschaffen, ist auch eine Art von Utopie, obwohl nicht ganz so unrealistisch wie die großen gesellschaftlichen Utopien. Schon seit vielen Jahren wird darüber diskutiert, die Benotung an Schulen abzuschaffen, und es gibt auch schon Schulen, in denen das praktiziert wird. Einige freie Schulen verzichten bereits auf schriftliche Leistungsnachweise. Die Tendenz geht Richtung Abschaffung der Noten. Über die Sinnhaftigkeit von Hausaufgaben und schriftlichen Leistungsnachweisen wird ebenfalls diskutiert. Insbesondere die Möglichkeiten der KI machen es fast unmöglich nachzuweisen, ob eine Arbeit wirklich selbst verfasst ist. In diesem Falle werden schriftliche Prüfungen sinnlos.
Das etwa 10-jährige Mädchen schreibt aber statt „Deutsch“ „Deutsch“ auf die Karte. Was ist eine Decharbeit? Mündlich kann das Mädchen „Deutscharbeit“ klar artikulieren. „Schreiben nach Gehör“, vermutet ein älterer Herr, der sich als ehemaliger Deutschlehrer vorstellt. Viele Jahre eine Standardmethode, Kindern in der Grundschule das Schreiben zunächst nach dem Gehör lernen zu lassen und erst später die korrekte Rechtschreibung. Eine von Anbeginn an umstrittene Methode. Nachdem Studien eine massive Verschlechterung der Rechtschreibung von Schülern fanden, wird die Methode seit einigen Jahren wieder langsam zurückgenommen. Allerdings nicht einheitlich. Die Regeln sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Typischer föderaler Bildungsflickenteppich. Einige Bundesländer lassen die Lehrer entscheiden, welche Methode sie anwenden. Andere Bundesländer haben die Methode mittlerweile wieder komplett abgeschafft. Viele wenden sie aber nach wie vor an, oft in freier Entscheidung der Lehrkräfte. Sie soll ja den Vorteil haben, Kinder leichter ins Schreiben zu bringen. Aber offenbar ist es sehr schwer, Fehler, die sich einmal eingeschliffen haben, wieder zu korrigieren.

Auch die Begriffe Bio- (als Vorsilbe), Achtsamkeit, Resilienz und Transformation werden entsorgt. Sie sollen modern und zukunftsorientiert wirken. Dabei sind sie durch permanenten, teils penetranten Gebrauch so abgenutzt, dass die ursprüngliche Intention der Begriffe kaum noch zu erkennen ist. Hunderte von Produkten werden durch die Vorsilbe „Bio-“ aufgewertet und können so teuer verkauft werden, vom Bio-Rindersteak zum Biodiesel und zur Bio-Aktie. Es kann praktisch fast überall als Vorsilbe verwendet werden. Achtsamkeit, so bekomme ich erklärt, soll nicht nur als nerviges Buzzword weg, sondern als egoistisches Wellnesstool zur Stressbewältigung. Ursprünglich bezeichnet der Begriff ja buddhistische Meditationsübungen. Einzelne Konzepte wurden dann in die westliche Psychologie übertragen und sind dann nach und nach in die Wellnessszene eingesickert – immer weiter verdünnt gegenüber dem ursprünglichen Konzept. Im eigentlich alten deutschen Begriff „Achtsamkeit“ schwingt auch die Vorsicht mit, das „Achtgeben“ im Sinne von „Aufpassen“. Wir neigen zur Übervorsicht und schließlich zur Überempfindlichkeit. Speziell im Deutschen fühlt sich der aktuelle Begriff „Achtsamkeit“ ziemlich wattig an.
Resilienz und Transformation sind aktuelle Modewörter, die an jeder Ecke billig zu haben sind. Natürlich geht es hier um Zukunftseigenschaften. Die Menschen der Zukunft sollen ebenso achtsam wie resilient (widerstandsfähig) sein, auch wenn nicht klar ist, wie diese so unterschiedlichen Eigenschaften gemeinsam zu erreichen sind. Und natürlich sollen sie stets offen für Transformation (Veränderung) sein. In der Praxis haben die meisten Menschen aber Angst vor Veränderung, vor allem jene, die sich an einen gewissen Luxus gewöhnt haben. Seien wir ehrlich, Luxus ist nicht die goldene Badewanne. Wenn wir heute sehen, was in den Kriegen und Konflikten der Gegenwart mit ganz normalen Gesellschaften passieren kann, dann ist es Luxus, jederzeit über warmes Wasser, Strom, volle Supermärkte, Heizung und ein unzerstörtes Dach über dem Kopf zu verfügen. Es ist Luxus, regelmäßig in Urlaub reisen zu können. Es ist Luxus, den ganzen Tag Zugang zu allen Informationen und Ressourcen im Internet haben zu können. Es ist Luxus, sich günstige Kleidung und Technik per Knopfdruck nach Hause bestellen zu können. Es ist Luxus, sich frei äußern zu können, ohne um seine Freiheit oder sein Leben fürchten zu müssen. Es ist Luxus, die Regierung beschimpfen und abwählen zu können. Es ist Luxus, nicht im Krieg leben zu müssen. Den meisten von uns ist klar, dass dieser Luxus für die breite Masse nicht mehr lange durchzuhalten ist. Immer mehr Menschen sehen diese Art von Luxus nachvollziehbarer Weise als Grundrecht an. Aber es reicht nicht für alle. Und der Planet wird das nicht mehr lange aushalten. Ressourcenerschöpfung, Umweltvergiftung, Klimawandel. Wir wissen, dass wir uns diesen Standard eigentlich nicht leisten können, dass wir über unsere Verhältnisse leben. Transformation klingt in vielen Ohren daher nicht nach hoffnungsvoller Utopie, sondern nach absehbarem Zerfall von Wohlstand und gesellschaftlichem Zusammenhalt, nach Konflikten. Ist der Begriff „Transformation“ in Wahrheit ein Euphemismus für Einsparung, Abwicklung, Zerfall? Eine schöne Wortfassade für den Abstieg?

Menschen regen sich gerne über Sprache auf und mit der Sprache vor allem über die ganz großen Themen. Aber manche Menschen beharren auch auf der Genauigkeit von Sprache im Detail. Ein älterer Herr macht es sich bequem und beginnt einen längeren Vortrag über den juristischen Begriff „billigend in Kauf nehmen“. Es handelt sich dabei um den „bedingten Vorsatz“ oder auch den „Eventualvorsatz“. Das ist strafrechtlich relevant und geht über die Fahrlässigkeit hinaus. Der Täter hat zwar keinen direkten Vorsatz, aber er weiß um die Auswirkungen seines Tuns, nimmt sie nicht nur in Kauf, sondern billigt sie auch.
Ein schwieriges Rechtskonstrukt. Mein Besucher ist der Ansicht, dass es sich bei dem Begriff um ein sogenanntes „Oxymoron“ handelt, also die Verbindung zweier widersprüchlicher Begriffe. Etwas billigen heißt ja, zustimmen, gutheißen. Das würde nicht zu dem passiven „in Kauf nehmen“ passen. Ob ich das als sprachbewusster Mensch auch so sehen würde. Ich gestehe, die Frage überfordert mich. Ich argumentiere, dass es bei manchen Begriffen nicht um die reine Sprachlogik gehe, sondern um den gewohnten Sprachgebrauch. Wenn alle gewohnheitsmäßig einen Begriff benutzen und wissen, was damit gemeint ist, ist es letztlich egal, ob der Begriff in sich logisch oder widersprüchlich ist oder irgendwann in der Geschichte mal eine andere Bedeutung hatte. Mein Gast beharrt darauf, dass Sprache präzise sein müsse und widersprüchliche Begriffe entsorgt werden müssten. In anderen Ländern wie Österreich sei das besser beschrieben. Es ist eine lange Sitzung. Natürlich kann er seinen Begriff loswerden, aber so ganz befriedigt ist er nicht. Aber zumindest konnte er so etwas wie sein Lebensthema einmal gründlich darlegen. Ich frage mich, wie nachfolgende Generationen unser Verhalten gegenüber der Zerstörung unserer Umwelt oder unser Verhalten gegenüber der zunehmenden Radikalisierung der Politik bewerten werden. Müsste man hier nicht auch von „billigend in Kauf nehmen“ sprechen und einen bedingten Vorsatz annehmen? Und welches Strafmaß wäre dafür angemessen?

Die entspannte Atmosphäre des Palmengartens lädt die Menschen zum Verweilen ein. Vielleicht lockt auch die Sitzgelegenheit nach langem Umherstreifen durch den Palmengarten. Manche Menschen setzen sich regelrecht fest. Am Nachmittag des ersten Tages setzt sich eine junge Frau zu mir, obwohl sie erst mal gar kein Wort abgeben möchte. Sie sei ein positiver Mensch. In ihr gäbe es gar keine negativen Begriffe. Nach einer Weile fällt ihr dann doch „toxisch“ ein. Wir kommen ins Plaudern. Sie ist Psychologie-Studentin und arbeitet gerade an ihrer Abschlussarbeit, aber auch schon in der pädagogischen Praxis. Wir kommen vom Misstrauen in der Gesellschaft, von der Beziehungsangst junger Menschen über Feminismus und KI zu den Problemen und Besonderheiten der Migrationsgesellschaft. Ich frage nicht direkt, aber sie erzählt erst von ihren Klienten aus der Migrationsgesellschaft, dann von ihrer eigenen Geschichte mit sehr konservativen migrantischen Eltern und der Schwierigkeit, diese unterschiedlichen Einstellungen zu akzeptieren. Sie spricht auch von der Zerrissenheit, dem Problem der Zugehörigkeit junger Migranten. Aber sie ist optimistisch. Es wird schrittweise besser. Sie fragt mich, wie ich zu dem Begriff „Biodeutsch“ stehe. Unangenehmer Begriff, finde ich. War in den 1990er Jahren mal ein satirischer Begriff eines türkischstämmigen Comedians für Deutsche „ohne“ Migrationshintergrund. Die Ironie ist längst weg. Die rechte Szene hat sich den Begriff angeeignet und zu einem ernsthaften rassistischen Begriff gedreht. Es gibt keine „biologische“ Grundlage des „Deutschseins“. Deutschland als Nation ist eine Konstruktion des späten 19. Jahrhunderts. Davor konnte man vielleicht von einem deutschen Kultur- und Sprachraum sprechen. Aber die Region, die wir heute Deutschland nennen, war immer ein Ort der Aus- und Zuwanderung. Die Grenzen dieses Sprach- und Kulturraums waren immer fließend. Kelten, Germanen, Goten, Römer, Griechen, Ägypter, Babylonier und Juden haben die Kultur Mitteleuropas seit der Antike beeinflusst. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war Deutschland eine Region massiver Armutsauswanderung, vor allem Richtung USA.
Wir plaudern über Heimat und Stolz und landen irgendwann – ich weiß nicht wie – beim Bioengineering und schließlich gesteht sie noch, dass sie auch Gedichte schreibt – aber nur für sich. Wir plaudern weit über eine halbe Stunde. Nebenbei kommen und gehen noch andere Wortabgeber, die aber gleich wieder verschwinden. Zum Schluss gibt sie mir noch das arabische Wort „Dayouth“, offenbar ein negativer Begriff für einen Mann, der nicht darauf achtet, dass sich seine Frau „züchtig“ verhält. Ein ziemlich böser Begriff, der aber scheinbar unter arabischstämmigen Jugendlichen beliebt sei. Am Ende kommen aber doch immer mehr Leute und es wird unmöglich, das Gespräch aufrechtzuerhalten. Sonst hätten wir vielleicht noch den Rest des Tages gesprochen. Das Gespräch hängt mir sehr nach – vor allem, weil es nicht nur ein Jammergespräch über die aktuellen Probleme war, sondern weil die Haltung dieser jungen, wohl türkischstämmigen Frau so enorm positiv war. Es bräuchte mehr solcher Menschen.

Oft sind es die Kinder, die mich als Erstes entdecken und eine Spielmöglichkeit wittern. Allein die Benutzung des Stempels zieht magisch an. Zwei Jungs reißen sich von ihren Eltern los, vermutlich Brüder. Der erste Bruder gibt die für mich rätselhafte Zahl „67“ ab, kann aber auch nicht genau erklären, was es damit auf sich hat. Das sagt man so. Das gehört vielleicht auch zur Sprache der Zukunft, dass man etwas sagt, weil andere es sagen, auch wenn es ziemlich unsinnig klingt. Und vielleicht gehört es auch dazu, dass es egal ist, was man sagt und was die Wörter genau bedeuten. Der Zusammenhang der Wörter mit ihren Bedeutungen ist ja seit jeher heikel. Wortbedeutungen sind nicht in Stein gemeißelt. Viele Wörter ändern ihre Bedeutung, je nachdem, in welchem Kontext sie benutzt werden, oder je nach der Zeit ihres Gebrauchs. Eine kurze Netzrecherche ergibt, dass „67“ ein aktueller Internet-Trend ist, der auf einem ebenso unsinnigen wie viralen Video des US-Rappers Skrilla beruht und neben der Zahl auch bestimmte Handgesten beinhaltet. Eine Bedeutung erschließt sich auch aus den Rap-Lyrics nicht und möglicherweise gibt es gar keine Bedeutung, sondern es handelt sich eher um eine Art Meme. Die Verwendung signalisiert Zugehörigkeit zu einer Szene, einer Generation. Der Nonsense-Charakter dieses Zahlenwortes spricht aber auch den Dadaisten in mir an. Meine Austauschworte sind ja purer Nonsens.
Sein Bruder hinterlässt mir das rätselhafte Wort „Baumrinde“. Warum? Ihm gefällt das Wort nicht.

Longevity im Return-Hub

Insgesamt wird es am zweiten Tag politischer und gesellschaftskritischer. Krieg und Kriegstreiber und Kriegsschauplatz werden abgegeben, dazu kommen Kollateralschaden, Leistungsgesellschaft, Wirtschaftswachstum, wohlhabend.
Auch das böse Wort von der Remigration wird vorbeigebracht. Ein klassischer Euphemismus, hinter dem sich ein fieser Gedanke verbirgt. Früher hätte man einfach „Ausländer raus“ gesagt. Remigration klingt aber irgendwie wissenschaftlich und hochgestochen und harmlos. Die neuen Nazis – so scheint es – legen viel Wert auf eine anständige und harmlose Fassade. Sie investieren viel in Tarnung und Menschen lassen sich durch solche Begriffe täuschen. Remigration ist auch ein Beispiel für die Aneignung, Bedeutungsveränderung und ideologische Aufladung eines ursprünglich neutralen Begriffes. In der Sozialwissenschaft bezeichnete Remigration bisher jede Form der freiwilligen Rückwanderung von Auswanderern. So sind einige ältere türkische Gastarbeiter nach Jahrzehnten in Deutschland wieder in die Türkei zurückgekehrt. Die Gründe sind unterschiedlich. Aus sentimentalen Gründen, um dort die Rente zu verbringen oder begraben zu werden. Oder sie hatten genug angespart, um sich eine Wohnung oder gar ein Haus in der alten Heimat leisten zu können. Auch polnische Auswanderer sind in den letzten Jahren zurückgekehrt, nachdem Polen ein viel stärkeres Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatte als andere EU-Länder und sich der Lebensstandard auf ein allgemein europäisches Niveau angeglichen hat. Auch nach Kriegen kehren manche Exilanten freiwillig in die alte Heimat zurück. Und auch deutsche Auswanderer kehren manchmal zurück. Weil die Eltern krank werden. Oder weil die Gesundheitsversorgung hier doch besser als andernorts ist.
Die unfreiwillige Rückkehr trägt die Namen „Abschiebung“, „Ausweisung“ oder gar „Deportation“. 
Die Neue Rechte hat sich den neutral beschreibenden Begriff der „Remigration“ angeeignet, um daraus eine ideologisch-politische Forderung nach einer forcierten Abschiebung zu machen. Im Klartext: Man möchte Millionen von Migranten in Deutschland vertreiben, abschieben. Man geht dabei so weit, selbst Menschen mit deutschem Pass die Staatsbürgerschaft wieder aberkennen zu wollen. Der Begriff „Remigration“ dient einzig zur Verschleierung der wahren Absichten.

Ein anderer Gast gibt den Begriff „Return Hub“ ab. Ich denke zunächst, es handele sich um ein Wort aus einem wissenschaftlich-technischen Kontext. Tatsächlich ist es ein verschleiernder Begriff für Abschiebezentren. Im Rahmen der neuen EU-Regelungen zur Verringerung der Asylmigration sollen Abschiebezentren außerhalb Europas entstehen. Auch hier entsteht eine Zukunft, die wir uns vor kurzem noch nicht vorstellen konnten.
„Unsere Gäste“ sollen ebenfalls in den Wortmülleimer. Klingt harmlos. Ist aber angeblich ein beliebter ironischer Kommentar in rechten Social-Media-Foren zu Straftaten von Ausländern.

Eine Dame gibt ernsthaft den Begriff „Partei“ ab. Auf Nachfrage stellt sie sich vor, dass eine Gruppe der weisesten Männer das Land führen sollte, Männer, die völlig uneigennützig nur im Sinne der Gemeinschaft handeln. Das klingt nach Platon, von dem die Dame aber noch nichts gehört hat. Ich kann den Frust über die gegenwärtigen Parteien verstehen. Die Idee, dass die „Besten“ und „Klügsten“ die Führung übernehmen, leuchtet ja erstmal ein. Aber, so wende ich ein, wie finden wir diese Menschen, wer wählt sie nach welchen Kriterien aus? Ja, da müsse man eben ein Gremium einrichten, das offen und transparent diese Menschen aussucht, ist die Antwort.
Ich erwähne ähnliche Ideen der Räterepublik und der Bürgerräte, die auch in der aktuellen Klimabewegung wieder vorgeschlagen werden. Aber die Dame kennt all diese Ideen nicht und möchte auch kein Gremium mit einer möglichst breiten Beteiligung. Es sollen ja nur die Besten sein. Und wieder landen wir bei der Frage, wer diese Menschen finden und bestimmen soll. Wie soll das auf eine demokratische Weise funktionieren? Wenn Parteien durch andere Organisationen ersetzt werden, gibt es dann nicht wieder ähnliche Probleme mit Abgehobenheit, Korruption und internen Machtkämpfen? Und was machen wir dann mit unserer Demokratie? So im Detail kann die Dame ihre Idee leider nicht beschreiben. Ich nehme an, sie hat sie irgendwo im Internet aufgeschnappt. Auch das ist natürlich eine Utopie, die bei genauem Nachdenken darüber nicht mehr ganz so attraktiv ist wie im ersten Moment. Das gilt natürlich für alle Utopien. Sie verlieren ihre Reize, wenn man sie mit der Realität abgleicht.

Zu den Zukunftstrends, die entsorgt werden, gehört auch das Konzept der Longevity, eines der aktuellen Anglizismen und Trendwörter, das kaum jemand richtig aussprechen kann. Es geht um Selbstoptimierung, Lebensverlängerung und sogar potenzielle Unsterblichkeit. Auch das ist natürlich eine alte Utopie der Menschheit. Es sind vor allem die Reichen, die Erfolgreichen, die nach Möglichkeiten suchen, noch länger zu leben, als es der menschliche Körper eigentlich zulässt. Da geht es längst nicht mehr um gesundheitsbewusste Ernährung oder den Verzicht auf Rauchen und Alkohol in Kombination mit ein bisschen Sport. Longevity setzt sich immer extremere Ziele und nutzt immer extremere Methoden, zumeist technikbasierte Körpermanipulation, Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und rigides Körpertraining. Längst ist ein Wettbewerb entbrannt, wie weit sich natürliche Alterungsprozesse hinausschieben lassen. Die Methoden wirken eher wie zwanghafte, obsessive Körper- und Leistungskontrolle. Die Behandlungsmethoden sind teuer und weitgehend Luxusprodukte. Es ist ein typisch kapitalistischer Trend, der auf individuelle Selbstoptimierung ausgerichtet ist. Wie lässt sich am meisten aus dem Körper herausholen? Ein Trend, der die soziale Spaltung weiter verschärft, denn es geht nicht um Methoden, das Gesundheitssystem für alle zu verbessern (z. B. durch mehr Pflegepersonal, mehr Ärzte oder neue Behandlungsmethoden für Volkskrankheiten), sondern darum, wie eine kleine, finanzstarke Elite sich noch mehr von der Masse absetzen kann. Und – wie so viele der aktuellen Trends – ist es auch ein Social-Media-Phänomen, das sich gut zur Selbstdarstellung eignet. Gleichzeitig erinnern die extremen Trainingsmethoden der Longevity an Reinheits- und Kraftphantasien, wie sie auch schon im nationalsozialistischen Körperkult zu finden waren. Tatsächlich sind die Fitness- und Longevity-Trends in der rechtsextremen Szene besonders populär, wo es schon immer um Stärke und einen „Kriegerkörper“ ging. Dass unsere Gesellschaft „verweichlicht“ sei, gehört ja zu den Standarderzählungen der Rechtsextremen. Auch das gezielte „Höherzüchten“ (Eugenik) von Menschen gehörte zu den tief in Rassismus und Sozialdarwinismus verankerten Zielen des Nationalsozialismus. Gleichzeitig sollte alles Kranke und Nicht(mehr)funktionierende ausgesondert und letztlich vernichtet werden durch Euthanasie.
Erleben wir gerade eine Rückkehr dieser faschistischen Ideen? Die Idee vom ewigen Leben ist ja auch eine größenwahnsinnige Idee, die perfekt zur Persönlichkeit von Tyrannen und Diktatoren passt. Für den russischen Diktator Putin hat Longevity angeblich höchste Priorität. Für ihn heißt das, möglichst lange zu leben und möglichst lange zu herrschen. Er will Russland zur führenden Nation der Longevity-Forschung machen, anstatt in die breite Volksgesundheit zu investieren. Tatsächlich liegt die Lebenserwartung in Russland durchschnittlich zehn Jahre unter dem europäischen und westlichen Durchschnitt. Auf der anderen Seite frage ich mich, wie erstrebenswert das „lange Leben“ oder gar die „Unsterblichkeit“ eigentlich ist. Wir leben schon in überalterten Gesellschaften. Wer das eigene Leben mit diesen brachialen und aufwändigen Methoden verlängern will, hat vermutlich auch wenig Zeit für Familie oder gar Kinder. Und wie lange lassen sie die notwendigen harten Trainingsmethoden eigentlich langfristig durchhalten? Und wäre es nicht schöner, ein sinnerfülltes, sozial eingebundenes, kreatives Leben zu führen? Sind Pausen und Auszeiten, Gelassenheit und ein gewisses Maß an Prokrastinieren nicht auch für ein gutes Leben nötig? Gesundheit ist ja nicht nur Kraft.

Nebenbei werden natürlich auch die üblichen Füllwörter entsorgt, von „genau“ über „auch“, „zeitnah“, „sozusagen“, „eigentlich“, „erdenklich“.

Auch „Technologieoffenheit“ soll weg, obwohl es doch eigentlich sehr positiv und zukunftszugewandt klingt. In der Praxis ist es aber ein gern genutzter Euphemismus, um neue Technologien auszubremsen und ein Festhalten an alten Technologien zu fördern. Insbesondere in der Klimadebatte findet es immer wieder Anwendung und wird gegen die politische Förderung eines gezielten Technologiewechsels in Stellung gebracht, z. B. Verbrennerautos gegen E-Autos, Kohlekraftwerke und Atomkraftwerke gegen erneuerbare Energien, Gasheizung gegen Wärmepumpen. Während Klimaschützer eine zielgerichtete Förderung neuer klimafreundlicher Technologien anmahnen, bremsen Lobbyisten und konservative Politiker.  

Was bleibt am Ende von der Zukunft? Von den Utopien? Die Bereitschaft zur Sprachsäuberung ist hoch. Viele Menschen regen sich über Sprache auf. Den einen ist sie zu unpräzise, den anderen zu hart und diskriminierend oder zu fremd. Anglizismen und Denglisch gehören zu den besonders gehassten Wörtern. Und irgendwie steckt in uns allen das Gefühl, dass mit dem bösen Wort auch die böse Sache verbannt werden kann. Eine Art magisches Denken. Wenn ich das Wort „Krieg“ vernichte, habe ich etwas gegen Krieg getan. Das ist allemal einfacher als gegen reale Kriege oder Umweltverschmutzung und gegen den Klimawandel zu kämpfen. Ein Wort ist schnell entsorgt.  

Es bleibt aber auch die Erkenntnis, wie wichtig die echte Kommunikation von Mensch zu Mensch für den sozialen Zusammenhalt ist. Der Worttausch ist ein Symbol, ein Anlass für einen echten Austausch. Es erstaunt mich immer wieder, wie lange sich die Menschen Zeit nehmen für dieses „unsinnige“ Projekt, wie sie sich gegenüber einem völlig fremden Menschen wie mir plötzlich öffnen und einfach mal Dinge erzählen, die man nicht täglich am Mittagstisch bespricht und schon gar nicht mit Fremden. Es gibt eine Bereitschaft, mir in meiner seltsamen Rolle als selbsternannter, künstlerischer Büroleiter Gedanken anzuvertrauen, die im eigenen Umfeld vielleicht schwer zu vermitteln sind. Das scheint mir wichtig vor dem Hintergrund, dass Menschen zunehmend das Gefühl haben, sich im öffentlichen Raum nur noch sehr vorsichtig und eingeschränkt äußern zu können. Hier gibt es noch gute alte analoge Kommunikation. Hier ist kein Shitstorm zu erwarten, wenn mal obskure Ideen geäußert werden. Und zum Glück waren bisher alle Gespräche von einem gegenseitigen Respekt geprägt. Es fühlt sich ein bisschen wie eine Therapiesession oder wie die unerwarteten persönlichen Gespräche in der Bahn oder beim Trampen an. Auch für mich ist diese Art von Austausch selten geworden.