Eigentlich

Eigentlich will niemand “eigentlich” sagen und doch rutsch es uns immer wieder raus. “Eigentlich” ist das Top-Wort, das im “Büro für überflüssige Worte” über die letzten Jahre immer und überall mit besonderem Eifer abgegeben wurde.

Kein modernes „Buzzword“, kein aufgeblasener Manager- oder Bürokratensprech, kein pseudokreativer PR-Kauderwelsch, kein Anglizismus und kein Denglish-Wortbrei. “Eigentlich” ist eigentlich ein schlichtes, unauffälliges Wort, das schon seit dem Mittelalter in Gebrauch ist und niemandem wehtun möchte. Woher die starke emotionale Abneigung?

Der aktuelle Duden definiert eigentlich als „einen meist halbherzigen, nicht überzeugenden Einwand“, der „auf eine ursprüngliche, schon aufgegebene Absicht hinweise“ (Zitat: Online Duden, Sept. 2016).

Eigentlich möchten wir wirklich etwas für die Integration von Flüchtlingen und die Inklusion behinderter Menschen tun. Alle haben die besten Absichten. EigentlichAber so einfach geht es eben nicht. Es gibt so viele Hindernisse. Bürokratische, Sprachliche, Kulturelle, Strukturelle. Eigentlich standen ihm alle Möglichkeiten offen. Eigentlich sind wir gute Menschen. Aber in der Realität müssen wir uns eben anpassen. Eigentlich bist Du ja ganz toll integriert, aber leider müssen wir Dich trotzdem abschieben. Eigentlich würde ich ja gerne mehr für dich tun, aber die Strukturen lassen es leider nicht zu. Eigentlich wollte ich schon längst mit dem Rauchen aufhören, vegan leben und mehr für ds Klima tun. Eigentlich, aber….

Steht eigentlich symptomatisch für die Kluft von Anspruch und Wirklichkeit? Eine Kluft, die im sozialen Bereich, aber auch im Umwelt- und Klimaschutz besonders weit auseinanderklafft?

Oder ist man nach fast 1000 Jahren auf den Trichter gekommen, dieses Wort endlich in der klassischen Füllwörterkiste zu entsorgen. Ein Wort, das immer herausrutscht, wenn wir um den heissen Brei herum reden. Und dann gilt es auch noch als „rechtschreiblich schwierig“ (siehe Online Duden). Ein Grund mehr, es loszuwerden?