Münster 3.-5.7.2026
Teil 1 – Komm aus deiner (Sprech)blase
Poesie und Sprechblase – was für ein vortreffliches Motto für ein Lyrikfestival. Zumal für ein so renommiertes Festival wie das Lyriktreffen Münster, bei dem seit 1979 alle zwei Jahre die preisgekrönten Dichter:innen deutscher Sprache gemeinsam mit internationalen Gästen zum poetischen Gipfeltreffen auflaufen.
Fühle mich geehrt, mit meinem Büro für überflüssige Worte das Festival an verschiedenen Orten begleiten zu dürfen. Was ist überflüssiger als Sprechblasen im Sinne von aufgeblähten, nichtssagenden Wörtern und hohlen Phrasen? Wir alle produzieren ständig Sprechblasen, bewerfen uns mit hohlen, nichtssagenden Wörtern und regen uns über die gleichen Phrasen auf, wenn sie andere benutzen. Die Sprechblase als Hohlphrase ist besonders in Werbung und Politik beheimatet, dort, wo man große Sprüche und Slogans braucht. In der Lyrik versuchen wir, sie zugunsten eines differenzierten, präzisen und originellen Ausdrucks zu vermeiden – auch wenn das nicht immer klappt. Aufgrund der Kürze der Form tendiert Lyrik gerne zu Verallgemeinerungen. Mitunter gerinnt der bemühte Versuch einer originellen und komplexen Sprache zum Klischee. Nicht selten wirkt poetische Sprache bedeutungsvoll aufgeblasen. Manchmal erscheint poetische Sprache bedeutungsvoll aufgeblasen, oder wir klingeln selbstverliebt mit unserer Bildungssprache und ballern den Leser zu mit gelehrten Anspielungen und schrägen Metaphern. Die Vorstellung, dass moderne Lyrik unverständlich sei (oder sein müsse), ist auch so ein Klischee.
Die Online-Communities haben dagegen eine Lyrik entdeckt, die ebenso einfach wie kurz ist. Von der SMS-Lyrik zur Hashtag-Poesie. Originalität spielt keine Rolle. Sie berichtet von Leiden, Liebe und Sehnsüchten des Alltags und beschäftigt sich gerne mit der eigenen Identität. Poetische Sinnsprüche pflastern das Netz und die Seele. Manche Insta-Lyrik – mit großen Emotionen und bedeutungsschwangeren Wörtern aus dem poetischen Setzkasten zusammengerührt – schafft es sogar in Buchpublikationen und führt zu staunenswerten Verkaufserfolgen. Die Menschen scheinen Klischees zu lieben.
Politik und Unternehmen haben die Kraft der poetischen Phrase längst entdeckt. Sie entwerfen entweder selbst eingängige Slogans oder engagieren professionelle Lyriker:innen. Auch die PR-Branche greift bereitwillig auf Reime und poetische Sprachfiguren zurück, wenn sie Aufmerksamkeit erzeugen will. Selbst die Poesie entkommt der Sprechblase daher nicht ohne Weiteres.
Aber hat die Sprechblase vielleicht sogar poetisches Potential? Im positiven Sinne versucht das Festival, die wörtlich genommene Sprechblase im Comic mit Poesie zu verbinden. Lyriker:innen und Comiczeichner:innen haben sich zu Teams zusammengefunden und nach Wegen gesucht, Poesie in der typischen Comic-Sprechblase heimisch zu machen. Eine Ausstellung von Poesie-Comics begleitet das Festival. Besonders angetan bin ich von der Wiederaufnahme der Idee mittelalterlicher Spruchbänder in der Form moderner Gymnastikbänder, mit denen der Text in den Raum geschleudert wird.
Aber welche Art von Sprechblasen erwarte ich im Büro für überflüssige Worte. Ich müsste eher von Wortblasen sprechen, da ich nur Einzelwörter sammle. Aber was genau ist eine Wortblase? Es gibt keine offizielle Definition. Ich stelle mir ein aufgeblasenes Wort vor, also ein Wort, das größer und bedeutungsvoller tut, als es ist. Zu dieser Kategorie zählen Euphemismen ebenso wie Begriffe aus Marketing, Politik und Business sowie zahlreiche Anglizismen und Denglisch-Schöpfungen. Wolf Schneider, legendärer Schreibcoach, Sprachkritiker und langjähriger Leiter der Hamburger Journalistenschule, hat Regeln für gute Sprache entwickelt: kurze Sätze, aktive Verben, konkrete Sprache, Klarheit und Einfachheit, Verben statt Substantivierungen, überflüssige Phrasen und Wörter ohne Informationsgehalt streichen. [1] Man könnte hinzufügen: Alles Überflüssige muss weg. Ein Ideal, das leider im Alltag selten erreicht wird. Immer wieder geraten wir in Versuchung, uns mit Sprache mehr Bedeutung zu verleihen, uns größer zu machen, als wir sind. Gute Frage, ob das auch für die Lyrik gilt. Jedenfalls finden wir in der aktuellen Lyrik nur selten eine wirklich einfache Sprache. Es geht ja auch nicht darum, Sachverhalte gut verständlich zu vermitteln, sondern unseren Geist und unsere Phantasie anzuregen. Eine extrem hermetische Sprache kann als besonders klug, tief und bedeutungsvoll angesehen werden. Interessante Frage, wie sehr das „Unverständliche“ in der Lyrik gebraucht wird. Es ist ja auch ein Versuch, sich einfacher Verwertung und Vereinnahmung zu entziehen. Als selbsternannter Büroleiter habe ich hier eine Sonderrolle. Am Rande des Festivals führe ich Gespräche über Wörter, Sprache und Gesellschaft. Ich beobachte, warte, stempel, kategorisiere und frage mich, ob das schon poetische Tätigkeiten sind. Mal fühle ich mich als Angestellter einer verborgenen Wortverwaltung, mal als Arbeiter am Wort. Denn für jedes abgegebene Wort gebe ich ein selbsterfundenes Wort zurück. Ich habe viele Stunden gebraucht, um diese Wörter zu erfinden, auf Karten zu drucken und zu signieren … um sie dann einfach zu verschenken. Wozu braucht es Wörter, die nichts bedeuten, werde ich gefragt. Nehmen Sie das Wort als schöneren Ersatz für das abgegebene Wort, schlage ich vor. Verwenden Sie es als Passwort oder als neuen Firmennamen oder verkaufen Sie es. Ständig entstehen neue Dinge, Ideen und Projekte, die einen Namen verlangen. Ich gebe das Wort frei.
[1] https://www.editionblaes.de/wolf-schneider-schreibregeln/