Überflüssige Bücher? Genau! – Lyriktreffen Münster Teil 4

Büro für überflüssige Worte beim Lyriktreffen Münster, 3.–5.7.2026, Teil 4 Überflüssige Bücher? Genau!



Bücher sind out. Überflüssig. Oder? Wer braucht noch gedruckte Bücher? Hunderte von Seiten lesen – wer hat die Zeit dafür? Wer hat den Platz, sich überall diese Staubfänger aufzustellen? Kochbücher, Lexika und gute Unterhaltung finden sich online. Was tun mit Omas oder Opas Bestsellersammlungen aus den 1970er und 1980er Jahren nach ihrem Ableben? Eine Handvoll davon kann in Bücherschränke. Ganz besondere Bücher auch ins Antiquariat. Aber das meiste muss weg, auch wenn es wehtut, Bücher wegzuwerfen. Aber am Ende gibt es meistens keine andere Lösung, oder?
Wie jetzt bekannt wurde, haben US-KI-Konzerne eine unerwartete Lösung für ungewollte Bücher gefunden. Nachdem sie die Hochliteratur schon vereinnahmt haben, trainieren sie jetzt die KI mit Ramsch. Am liebsten würden sie alle Publikationen der Menschheit seit den alten Babyloniern nutzen. Dass KI-Systeme mit eingescannten Büchern trainiert werden, ist nichts Neues. Neu der unstillbare Hunger auf praktisch alle gedruckten Werke, unabhängig von Wert oder Inhalt. Neu ist auch, dass die Bücher zum Scannen zerstört werden. Die Buchrücken werden entfernt. Einzelseiten lassen sich effektiver scannen. Danach kommen die Seiten ins Altpapier. „Destructive Scanning“ nennt sich diese Methode, im Gegensatz zum bisher üblichen „Non-Destructive-Scanning“. Weltweit kaufen diese Firmen unglaubliche Mengen an gebrauchten Büchern und saugen zunehmend den antiquarischen Markt leer. Nach anfänglicher Freude über die lukrativen Bestellungen wurden Antiquare misstrauisch. Im Rahmen eines Urheberrechtsprozesses in den USA ist diese Praxis Anfang 2026 aufgefallen. Die KI-Konzerne hätten sie gerne geheim gehalten. Zum einen geht es hier um die vermutlich illegale Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke, zum anderen um eine absurde Massenvernichtung von Büchern. Die Assoziation zu „Fahrenheit 451“ ist nicht weit. Hier beschreibt Ray Bradbury eine Gesellschaft, in der es verboten ist, Bücher zu besitzen. Die Feuerwehr wird eigens beauftragt, alle Bücher zu finden und zu vernichten.
Dystopische Vorstellung von leeren Antiquariaten und Bücherschränken. Und auch online werden viele Werke nicht mehr verfügbar sein. Sie wurden ja nicht eingescannt, um sie der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. [1] Dass die KI das gesamte Wissen und die kreativen Erzeugnisse der Menschheit aufsaugt und verschlingt, ist ein beängstigender Gedanke. Sind wir denn sicher, dass wir danach noch Zugang dazu haben? Wozu müssen die Originaldaten zerstört werden? Beginnt so die Machtübernahme der KI und die Zerstörung unserer Kultur oder ist das unbegründete Panik?

Vor lauter neuen und neumodischen Begriffen vergessen wir manchmal, dass es auch alte Begriffe gibt, die nicht mehr in die Landschaft passen. „Ermannen“ ist so ein Wort, gnadenlos veraltet. Es klingt nach geschwollener, altbackener, pathetisch-patriarchaler Sprache. Mich interessiert aber, ob dieses Wort überhaupt noch benutzt wird. Eine Wortrecherche bringt zutage, dass das Wort (ausgehend vom germanisch/althochdeutschen „Mann“) im gesamten Mittelalter sehr populär war, zusammen mit ähnlichen Begriffen wie „bemannen“, „entmannen“, „übermannen“. Im Mittelalter ließ sich das Verb „mannen“ auch ohne Präfix gebrauchen und bedeutete: „zum Mann werden, sich als Mann zeigen, zum Mann nehmen, den Lehnseid leisten, transitiv ‚mit einem Mann versehen‘“. [2]. Offensichtlich hatten die alten Germanen und das Mittelalter andere Geschlechtervorstellungen als wir. Männer trugen zwar Strumpfhosen, aber auch Ritterrüstungen und zogen plündernd und erobernd durch die Gegend. Frauen wurden zwar angebetet, hatten aber praktisch nichts zu sagen und sollten sich am besten im Haus aufhalten. Allerdings waren sie interessant, um lukrative und machtstrategisch sinnvolle Verbindungen zu schaffen und weitere Krieger zu gebären.
Das sind Vorstellungen, die sich in der aktuellen Genderdebatte als ziemlich unpassend erweisen. Beliebt war der Begriff nochmal um 1600 und um 1800. Nach Wortkorpora-Untersuchungen ist der Gebrauch danach weitgehend aus der Mode gekommen. [3]
Zweifellos erfüllt dieses Wort damit die Kategorie des „veralteten“ Begriffs. Ich gebe zu, auch schlummernde Begriffe können überraschend wieder aufwachen. Vielleicht demnächst in der berüchtigten frauenfeindlichen „Manosphere“- und „Looksmaxxer“-Szene. Vielleicht gibt es auch längst ein Revival, das ich nicht mitbekommen habe. Also fix den Stempel drauf: „überflüssig“.

Eine ältere Dame, die sich als „Oma gegen Rechts“ outet, freut sich, dem Begriff „Remigration“ einen Überflüssig-Stempel draufzuhauen. Es wurde schon 2023 zum Unwort des Jahres 2023 gewählt. Wir unterhalten uns länger über die Methode der Vereinnahmung und Umwertung von Begriffen durch die rechte Szene. Remigration war einst ein harmloser wissenschaftlicher Begriff zur Bezeichnung einer „freiwilligen“ Rückkehr von Migranten in ihr Ursprungsland aus unterschiedlichsten Motiven. Seit den 2010er Jahren benutzt die Neue Rechte den Begriff im Sinne von politischen Druckmitteln, Migranten zu einer Ausreise aus Deutschland zu drängen oder zu zwingen. Mittelkürzungen, haftähnliche Bedingungen und Zwangsabschiebungen sind die Methoden, mit denen eine ethnische Säuberung in Deutschland erreicht werden soll. Populär wurde der Begriff durch Martin Sellner von der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ ab 2023. Die Recherche des Netzwerks „Correctivs“ zu einem Geheimtreffen von Sellner, AfD- und CDU-Politikern und Neonazis verschaffte dem Begriff unbeabsichtigt weitere Popularität. Das Konzept der Skandalisierung funktioniert nicht mehr. Anstatt sich dafür zu schämen, nutzten die Neue Rechte und die AfD diesen Begriff längst offensiv, genauso wie den Begriff „Rechts“ . Vereinnahmt wurden längst „Heimat“, „Tradition“ und „Familie“. Mittlerweile geben sich die neuen Rechten als Vertreter von „Freiheit“ und „Vernunft“ aus oder spielen sich gar als Retter der „Demokratie“ auf. Wie ist es möglich, fragen wir uns, dass uns die Rechten all diese Begriffe entwenden, mit neuer Bedeutung aufladen und gegen uns verwenden? Ist es klug, all diese Begriffe aufzugeben? Wie könnte man sie zurückerobern?


Mein nächster Kunde möchte den Begriff „bürgerlich“ als überflüssig abstempeln. Klar, dass damit nicht das Wort, sondern das Konzept der Bürgerlichkeit gemeint ist. Langes Grundsatzgespräch über die Trägheit, Selbstzufriedenheit und den Konservatismus der „bürgerlichen“ Gesellschaft. Sie möchte am liebsten in Ruhe ihren Geschäften nachgehen. Wir sprechen auch über linke gesellschaftspolitische Strategien und über Radikalität. Mein Besucher gesteht überrascht, dass sich die Vorstellungen von „Radikalität“ und der Notwendigkeit einer „radikalen“, revolutionären Veränderung der Gesellschaft in extrem linken und extrem rechten Szenen durchaus ähneln. In der Verachtung des „Bürgerlichen“ ist man sich einig. Man ist sich einig, dass das „System“ gestürzt werden soll. Man ist sich einig, dass es dazu „radikaler“ Maßnahmen braucht, die auch gegen den Rechtsstaat verstoßen. Aber die Ziele, so betont mein Besucher, seien natürlich diametral entgegengesetzt. Ich werfe ein, dass der Begriff „bürgerlich“ schon zu sowjetischen Zeiten ein Kampfbegriff war, mit dem nicht zuletzt auch eine freie Kunst und eine freie Wissenschaft bekämpft wurden. Als „bürgerlich-dekadent“ galt insbesondere die künstlerische Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Der Kulturgeschmack des Sozialismus war hingegen überraschend konservativ und (paradoxerweise) geradezu am bürgerlichen Kunstgeschmack ausgerichtet. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/31372/buerger-und-buergerlichkeit-im-wandel/

Eher skurril mutet der Begriff „Lebensmittel-Parcours“ an, der mir ohne Erklärung hinterlassen wird. Ich denke erst an den marktstrategisch ausgetüftelten Rundgang im Supermarkt. Der Begriff riecht nach Marketing-Sprech. Ich bin überrascht, dass die Verbraucherzentrale NRW unter diesem Begriff Programme anbietet, die Vorschulkinder und Schulkinder für das Thema gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit interessieren sollen. Öfter ist auch von Geschmacks-Parcours die Rede. Dahinter steckt offenbar ein EU-Schulprogramm, das die Verteilung von Milch, Obst und Gemüse an Schulkinder unterstützt und durch Bildungsprogramme für eine gesunde Ernährung sensibilisieren will. Das Ganze ist angedockt an die UN-„Sustainable Development Goals“ und verfügt über eine enorme „Kompetenzdimension“. Der Begriff und das Konzept des „Lebensmittelparcours“ sind möglicherweise in Deutschland entstanden. Wer dieses Programm im Detail entwickelt hat, kann ich auf die Schnelle nicht herausfinden. Im EU-Programm ist nur von Koch- und Geschmackskursen die Rede. Tja, auch der Bildungsbereich ist eine Fundgrube für Sprachblasen.

Eigentlich will ich schon einpacken, um eine kleine Pause zu machen, bevor ich im Theatertreff wieder aufbauen muss, aber jedes Mal, wenn ich am Einpacken bin, kommen neue Kunden. Darunter ein Museumsdirektor, der offenbar ein Faible für das Wort in der Kunst hat und sehr plauderig ist. Am liebsten hätte er seinen eigenen Namen abgegeben, der ihm klanglich nicht gefällt. Aber Namen nehme ich aus Prinzip nicht an. Es ist etwas anderes, Wörter oder Menschen als „überflüssig“ abzustempeln. Da möchte ich eine klare Grenze ziehen.

Bei Partei- und Organisationsnamen bin ich unschlüssig. Abkürzungen gehören für mich eindeutig zum Wortmaterial der Sprache. So landet auch das Akronym MAGA für „Make America Great Again“ in meiner kleinen Ausstellung überflüssiger Worte. Dieses Akronym wurde bereits 1980 von Ronald Reagan verwendet und im US-Wahlkampf 2016 von Donald Trump vereinnahmt. Im Sog des „Trumpismus“ hat der Slogan ein Eigenleben entwickelt. MAGA steht heute für die politische Bewegung der treu ergebenen Trump-Anhänger. Angesichts des bizarren Personenkults um Donald Trump und der Bereitschaft, noch die wirrsten und irrsten seiner vielen Hakenschläge mitzugehen und zu rechtfertigen, hat MAGA deutlichen Sektencharakter. Das gilt auch für die Radikalität, mit der sie gegen innere und äußere Feinde vorgehen. Erkennungszeichen sind die roten Schirmmützen mit der MAGA-Aufschrift. Sie haben auch ihre eigene Sprache entwickelt, die oft von Verschwörungserzählungen geprägt ist. Sie sehen in Trump nicht einfach einen Politiker, sondern eine Art Erlöserfigur. [4]

Mitarbeiter der Stadtverwaltung kommen vorbei, auch die Bibliothekschefin selbst, und lassen Synergieeffekte und Transformationsprozesse da. Ein typischer Sprachrechthaber regt sich über den Begriff „Flieger“ für Flugzeug auf. Der Flieger sei korrekterweise der Pilot. Kunsterzieher:innen, Rhythmische Sportgymnastik, Schlecken und Dingsbums müssen dran glauben. Zwei ältere Damen umschleichen meinen Stand eine Zeitlang. Eine davon gibt mir schließlich das Wort „Pattjacke“, offenbar ein deftiges Schimpfwort im Münsteraner Platt für einen Halunken, Saukerl, Schuft. Ich finde, es klingt ja recht harmlos, fast kumpelig. Und es widerstrebt mir, ein so schönes Wort als überflüssig zu stempeln. Möglicherweise ist es veraltet. Aber alte Dialektbegriffe sollte man ja eher schützen, da sie die Vielfalt der Sprachen repräsentieren. Ohne Dialekte vereinheitlichen und verarmen die Sprachen, es fehlt an emotionaler Farbe und Kraft.

Ein Bauarbeiter ist von seinen Kindern beauftragt worden, das Wort „Eselsficker“ abzugeben. Mmh. Eine gezielte Provokation? Schwer einzuschätzen. Er beteuert, er wolle es – auch seinen Kindern zuliebe – nicht mehr benutzen. Er habe es auf Baustellen aufgeschnappt.

Ein Obdachloser bleibt eine Weile vor mir stehen, zwinkert mir dann geheimnisvoll zu. Ob es Wörter gäbe, die er nicht brauche, frage ich. Er fragt zurück, ob ich ein Wort mit vier „tz“ kenne. Wartet meine Antwort aber nicht ab, sondern schlurft weiter.

Zurück ins Theater. Vor und nach der Abschlussshow sammle ich weitere Wörter. Am Ende sind es inklusive ein paar Wiederholungen über 100 Wörter, die als überflüssig abgestempelt und gegen neue Wörter von mir ausgetauscht wurden. Ich bin immer wieder überrascht, mit welcher Freude Menschen Wörter und Begriffe entsorgen, mit welcher Begeisterung sie den Stempel überflüssig auf das Wort knallen.

Das mit Abstand unbeliebteste Wort bei all den Dichtern und Denkern des Festivals und ihrem geneigten gutbürgerlichen Publikum ist „genau“. Ein altehrwürdiges Wort aus dem Altmittelhochdeutschen, das – zugegeben – oft bedeutungsentleert als Füllwort benutzt wird. Trotzdem verstehe ich die Aufregung um dieses Wort nicht ganz. Ich gebe zu, dass ich die Sprachmarotte teile. Es kommt einfach. Ich kann nichts dagegen machen. Gibt es gerade eine „genau“-Schwemme? In den aktuellen Füllwortlisten findet es sich gar nicht.
Und warum wird es als so viel störender wahrgenommen als andere Wörter? Immerhin wird daran schon seit einigen Jahrzehnten geforscht. „Genau“ ist offenbar multifunktional als klassische Füllwort-Denkpause wie „ähm“ oder „ja“ oder Bestätigung des Gesagten oder als „Übernahmesignal“ zu verstehen. Mit dem „Übernahmesignal“ signalisiere ich meinem Gegenüber, dass ich jetzt mit dem Sprechen dran bin. Genau.
https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/panorama/linguistik-fuellwort-genau-100.html


[1] https://arstechnica.com/ai/2025/06/anthropic-destroyed-millions-of-print-books-to-build-its-ai-models/

[2] https://www.dwds.de/r/?corpus=zeit&q=ermannen

 

[4] https://usamomingermany.substack.com/p/the-maga-glossary