Die Situation im Umkehrschluss – Lyriktreffen Münster Teil 3

Büro für überflüssige Worte beim Lyriktreffen Münster, 3.–5.7.26

Am Abend platziere ich mich direkt neben dem Büchertisch, direkt hinter der Eingangstür im Foyer des Theaters. Die Bar ist nur einen Schritt weiter und auch der Gang zur Toilette führt an mir vorbei.
„Die Situation“ ist das erste Wort, das ich bekomme – eigentlich eine kleine Phrase. Ich freue mich, dass Kinga Toth, ungarische Dichterin im Exil, gerade zurück vom Bachmannpreis, wo sie den KELEG-Preis gewonnen hat, die Erste ist, die ein Wort loswerden will. Und sie meint es ernst. Ich merke, wie sie dieses Wort bewegt. Ein scheinbar harmloser Begriff, vielleicht ein bisschen zu pauschalisierend, zu vage. Es ist ein typisches Platzhalterwort. Üblicherweise müsste man „die Situation“ etwas spezifizieren, z. B. die Situation der deutschen Wirtschaft, die persönliche Situation etc. Kinga erklärt mir die Bedeutungsveränderung im System des ungarischen Autokraten Victor Orban. Offenbar war die Angst vor Migration so groß, dass schon der Begriff vermieden werden sollte. „Die Situation“ deutet nur an, aber alle wissen, was gemeint ist. Ich weiß nicht mehr, welches Wort ich ihr im Austausch gegeben habe, aber sie schien sehr zufrieden und meinte, ich habe ihr Wort geheilt durch eine bürokratisch-schamanistische Aktion. Vielleicht wäre das ja ein neuer Job für mich, kaputte Wörter zu heilen? Ein Heiler wird vermutlich leichter Geld verdienen als ein poetischer Bürokrat. Wörter der politischen Propaganda zu entziehen, ist vielleicht auch eine wichtige Aufgabe. Hugo Balls dadaistischen Nonsensversen von 1916 hatten genau diese Absicht. Sprache der Kriegspropaganda zu entziehen.

Schnell füllt es sich, und ich habe eine Schlange vor mir. Eine ganze Gruppe Student:innen steht zur Wortabgabe an. Offenbar gab es ein Seminar, das sich nur mit diesem Festival befasst hat. Maus und Mausig werden zuerst entsorgt. Der Student erzählt mir stolz, dass er ein Referat über mich gehalten habe. Er findet diese Verniedlichung vor allem für erwachsene Menschen anmaßend. Offenbar ist der Begriff Teil eines Trends auf TikTok und Instagram, der die Begriffe „atzig“, „fotzig“ und „mausig“ zur Bewertung aller möglichen Alltagsphänomene verwendet. „Atzig“ steht für das leicht verlotterte Männliche, Kumpelige; „fotzig“ für das frech-provokante Weibliche und „mausig“ für alles, was süß und niedlich ist. Alle drei Begriffe zusammen gelten als „Holy Trinity“. Mmh. Schon merkwürdig, das Leben auf drei derart klischeehaltige Begriffe herunterzubrechen und sie dann als Holy Trinity zu bezeichnen. Die Wortabgabe kann ich also gut verstehen. [1]

Es taucht auch ein Wortsammelkollege auf, der schon ein ähnliches Projekt in Münster durchgeführt hat und schlimme Wörter gegen andere (schönere) Wörter ausgetauscht hat. Leider habe ich in der Hektik seinen Namen nicht notiert. Wahrscheinlich hat er sich gewundert, warum man ihn nicht eingeladen hat.

Schon vormittags bin ich mit dem Büro in der Stadtbücherei Münster, strategisch günstig, direkt gegenüber dem Eingang. Hier finden parallel mehrere Projekte des Lyriktreffens statt, aber auch ganz normale Bibliotheksbesucher kommen vorbei. Insgesamt ist es hier deutlich ruhiger als im Theater, ich habe mehr Zeit und einige interessante Gespräche. Ich bekomme die schöne Phrase „im Umkehrschluss“, die eine juristisch knifflige Definition darstellt. Das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache definiert Umkehrschluss als: „Schlussfolgerung, die darin besteht, dass ein Rechtssatz, der einen bestimmten abgegrenzten Tatbestand regelt, für die nicht genannten Fälle nicht anwendbar ist.“ Im Lateinischen heißt es „argumentum e contrario“. Puh. Da gerät meine Logik ins Rotieren. Ich vermute, dass das ein hübsches Prüfungsthema ist. In diesem Falle war die Abgeberin aber von einer Kollegin genervt, die diese Phrase als Füllwort in allen möglichen Situationen anwendet.

Begriffe aus dem Themenbereich „Arbeit“ werden heute besonders gerne abgestempelt. Vielleicht sind die Menschen schon in Wochenendstimmung und wollen alles abstreifen, was an die Arbeitswoche erinnert. Arbeit, Lohnarbeit, arbeitslos, frohes Schaffen oder Arbeitssverweigerungsvermutung werden als „überflüssig“ entsorgt. Letzteres ist angeblich ein Begriff aus den Arbeitsämtern. Ein bürokratisches Wortmonster, eine perfide Unterstellung, mit der man die kleinen Antragsteller auf Sozialleistungen bedroht. Klingt schlüssig, aber Belege dafür finde ich nicht.
Dass Arbeitslose sich über ihr Los beklagen, ist nachvollziehbar. Aber warum ist Arbeit pauschal überflüssig? Oder Lohnarbeit? Keine Frage, es gibt schreckliche Arbeit, nutzlose Arbeit und bösartige Ausbeutung. Aber gibt es nicht auch erfüllende, sinnvolle und notwendige Arbeit? Es gibt schlecht und gut bezahlte Lohnarbeit. Wäre es besser, schönere Begriffe dafür zu finden? Oder sollten wir die Arbeit gleich ganz abschaffen und geradewegs zurück ins Paradies laufen und wieder bei Adam und Eva beginnen? Aber vielleicht müssen wir angesichts der vielen Veränderungen aufgrund der künstlichen Intelligenz und der damit einhergehenden Transformation der Gesellschaft auch unsere Vorstellungen von Arbeit hinterfragen. Nachdem wir jahrzehntelang mühevoll uns von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft gewandelt haben, jetzt der Wandel zur virtuellen Gesellschaft. Ausgerechnet in den Jobs der Dienstleistungsgesellschaft wird die KI wildern, während die Tradition des Handwerks ein Comeback feiert.
Auch die Work-Life-Balance wird abgestempelt. Ein schrecklicher und völlig übernutzter Anglizismus und ein schiefes Bild. Arbeit und Leben sind keine grundverschiedenen oder gegensätzlichen Dinge, die sich gegenseitig ausbalancieren könnten. Wir arbeiten ja, um zu leben, und wir leben während und durch unsere Arbeit.
Aber die dahinterstehende Idee, eine vernünftige Balance zwischen notwendiger Erwerbsarbeit und Familie im Speziellen und entspannenden Freizeittätigkeiten im Weiteren zu finden, ist ja nicht völlig verkehrt. Berufliche Überlastung oder auch Unterforderung kann zu Depression, Burnout und zahlreichen körperlichen Erkrankungen führen. Gleichzeitig scheint sich der Begriff vor allem an Eliten und Top-Verdiener zu richten, bei denen ein enormer Leistungsdruck besteht, die aber gleichzeitig die finanziellen Mittel haben, diesen Leistungsdruck teilweise durch Reisen, Luxus, Wellness zu kompensieren. Unter Müllwerkern, Bauarbeitern, Postboten, Pflegekräften, Verkäufern und anderen prekär Beschäftigten wird der Begriff selten benutzt.
Auch der Lebenslauf wird abgestempelt. Einen lückenlosen, geraden Lebenslauf zu erwarten, ist heute eine Zumutung. Orientierungsphase, Auszeiten, Unschlüssigkeit, Prokrastination, Studienabbruch, Ausbildungsabbruch, Umzug, Umschulungen, Familienplanung, Neuorientierungen, Neurodiversität, Reha und Sabbathjahre zerhacken den Lebenslauf, machen Bruchkanten sichtbar und zeigen den Menschen als fragiles Wesen mit Tendenz zum Bandscheibenvorfall, zur Autoimmunerkrankung und zum Burnout.


[1] https://www.stern.de/lifestyle/atzig–fotzig–mausig–das-steckt-hinter-dem-trend-37491280.html