„Büro für überflüssige Worte“ beim Science Utopias Festival, 6.-7.6.2026
Insgesamt wird es am zweiten Tag politischer und gesellschaftskritischer. „Krieg“ und „Kriegstreiber“ und „Kriegsschauplatz“ werden abgegeben; dazu kommen „Kollateralschaden“, „Leistungsgesellschaft“, „Wirtschaftswachstum“, „Wohlhabend“.
Auch das böse Wort von der „Remigration“ wird vorbeigebracht. Ein klassischer Euphemismus, hinter dem sich ein fieser Gedanke verbirgt. Früher hätte man einfach „Ausländer raus“ gesagt. Remigration klingt aber irgendwie wissenschaftlich hochgestochen und harmlos. Die neuen Nazis – so scheint es – legen Wert auf eine anständige und harmlose Fassade. Sie investieren in Tarnung und Menschen lassen sich durch solche Begriffe täuschen. Remigration ist auch ein Beispiel für die Aneignung, Bedeutungsveränderung und ideologische Aufladung eines ursprünglich neutralen Begriffes. In der Sozialwissenschaft bezeichnete Remigration bisher jede Form der freiwilligen Rückwanderung von Auswanderern. So sind einige ältere türkische Gastarbeiter nach Jahrzehnten in Deutschland wieder in die Türkei zurückgekehrt. Die Gründe sind unterschiedlich. Aus sentimentalen Gründen, um dort die Rente zu verbringen oder begraben zu werden. Oder sie hatten genug angespart, um sich eine Wohnung oder gar ein Haus in der alten Heimat leisten zu können. Auch polnische Auswanderer sind in den letzten Jahren zurückgekehrt, nachdem Polen ein stärkeres Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatte als andere EU-Länder und sich der Lebensstandard auf ein allgemein europäisches Niveau angeglichen hatte. Manche Exilanten kehren nach dem Ende von Kriegen zurück. Und auch deutsche Auswanderer kehren manchmal zurück. Weil die Eltern krank werden. Oder weil die Gesundheitsversorgung hier doch besser als andernorts ist.
Die unfreiwillige Rückkehr trägt die Namen „Abschiebung“, „Ausweisung“ oder gar „Deportation“.
Die Neue Rechte hat sich den neutral beschreibenden Begriff der „Remigration“ angeeignet, um daraus eine ideologisch-politische Forderung nach einer forcierten Abschiebung zu machen. Im Klartext: Man möchte Millionen von Migranten aus Deutschland vertreiben, abschieben. Man geht dabei so weit, selbst Menschen mit deutschem Pass die Staatsbürgerschaft wieder aberkennen zu wollen. Der Begriff „Remigration“ dient zur Verschleierung der wahren Absichten.
Ein anderer Gast gibt den Begriff „Return Hub“ ab. Ich denke zunächst, es handele sich um ein Wort aus einem wissenschaftlich-technischen Kontext. Tatsächlich ist es ein verschleiernder Begriff für Abschiebezentren. Im Rahmen der neuen EU-Regelungen zur Verringerung der Asylmigration sollen Abschiebezentren außerhalb Europas entstehen. Auch hier entsteht eine Zukunft, die wir uns vor kurzem noch nicht vorstellen konnten.
„Unsere Gäste“ sollen ebenfalls in den Wortmülleimer. Klingt harmlos. Es ist aber angeblich ein beliebter ironischer Kommentar in rechten Social-Media-Foren zu Straftaten von Ausländern.
Eine Dame gibt ernsthaft den Begriff „Partei“ ab. Sie meint damit nicht die Satirepartei „Die Partei“. Ihr geht es um das Konzept der Parteien. Auf Nachfrage stellt sie sich vor, dass eine Gruppe der weisesten Männer das Land führen sollte, Männer, die völlig uneigennützig nur im Sinne der Gemeinschaft handeln. Das klingt nach Platons „idealem Staat“, der von uneigennützigen Philosophenkönigen geführt werden soll. Leider hat die Dame noch nichts von Platon gehört. Ich kann den Frust über die gegenwärtigen Parteien verstehen. Die Idee, dass die „Besten“ und „Klügsten“ die Führung übernehmen, leuchtet ja erstmal ein. Aber, so wende ich ein, wie finden wir diese Menschen, wer wählt sie nach welchen Kriterien aus? Ja, da müsse man eben ein Gremium einrichten, das offen und transparent diese Menschen aussucht, ist die Antwort.
Ich erwähne ähnliche Ideen der Räterepublik und der Bürgerräte, die auch in der aktuellen Klimabewegung wieder vorgeschlagen werden. Aber die Dame kennt all diese Ideen nicht und möchte auch kein Gremium mit einer möglichst breiten Beteiligung. Es sollen ja nur die Besten sein. Und wieder landen wir bei der Frage, wer diese Menschen finden und bestimmen soll. Wie soll das auf eine demokratische Weise funktionieren? Wenn Parteien durch andere Organisationen ersetzt werden, gibt es dann nicht wieder ähnliche Probleme mit Abgehobenheit, Korruption und internen Machtkämpfen? Und was machen wir dann mit unserer Demokratie? So im Detail kann die Dame ihre Idee leider nicht beschreiben. Ich nehme an, sie hat sie irgendwo im Internet aufgeschnappt. Auch das ist natürlich eine Utopie, die bei genauem Nachdenken nicht mehr ganz so attraktiv ist wie im ersten Moment. Das gilt natürlich für alle Utopien. Sie verlieren ihre Reize, wenn man sie mit der Realität abgleicht.
Zu den Zukunftstrends, die entsorgt werden, gehört auch das Konzept der „Longevity“, eines der aktuellen Anglizismen und Trendwörter, das kaum jemand richtig aussprechen kann. Es geht um Selbstoptimierung, Lebensverlängerung und potenzielle Unsterblichkeit. Das ist eine alte Utopie der Menschheit. Es sind vor allem die Reichen, die Erfolgreichen, die nach Möglichkeiten suchen, länger zu leben, als es der menschliche Körper eigentlich zulässt. Da geht es längst nicht mehr um gesundheitsbewusste Ernährung oder den Verzicht auf Rauchen und Alkohol in Kombination mit ein bisschen Sport. Longevity setzt sich immer extremere Ziele und nutzt immer extremere Methoden, zumeist technikbasierter Körpermanipulation. Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und rigides Körpertraining gehören dazu. Längst ist ein Wettbewerb entbrannt, wie weit sich natürliche Alterungsprozesse hinausschieben lassen. Die Methoden wirken eher wie zwanghafte, obsessive Körper- und Leistungskontrolle. Der Körper als Produkt. Die Behandlungsmethoden sind teuer. Es ist ein typisch kapitalistischer Trend, der auf individuelle Selbstoptimierung ausgerichtet ist. Wie lässt sich am meisten aus dem Körper herausholen? Ein Trend, der die soziale Spaltung weiter verschärft, denn es geht nicht darum, das Gesundheitssystem für alle zu verbessern (z. B. durch mehr Pflegepersonal, mehr Ärzte oder neue Behandlungsmethoden für Volkskrankheiten), sondern darum, wie eine kleine, finanzstarke Elite sich noch mehr von der Masse absetzen kann. Und – wie so viele der aktuellen Trends – ist es auch ein Social-Media-Phänomen, das sich gut zur Selbstdarstellung eignet. Gleichzeitig erinnern die extremen Trainingsmethoden der Longevity an Reinheits- und Kraftphantasien, wie sie auch schon im nationalsozialistischen Körperkult zu finden waren. Tatsächlich sind die Fitness- und Longevity-Trends in der rechtsextremen Szene besonders populär, wo es schon immer um Stärke und einen „Kriegerkörper“ ging. Dass unsere Gesellschaft „verweichlicht“ sei, gehört ja zu den Standarderzählungen der Rechtsextremen. Auch das gezielte „Höherzüchten“ (Eugenik) von Menschen gehörte zu den tief in Rassismus und Sozialdarwinismus verankerten Zielen des Nationalsozialismus. Gleichzeitig sollte alles Kranke und Nicht(mehr)funktionierende ausgesondert und letztlich vernichtet werden.
Erleben wir gerade eine Rückkehr dieser faschistischen Ideen? Die Idee vom ewigen Leben ist ja auch eine größenwahnsinnige Idee, die perfekt zur Persönlichkeit von Tyrannen und Diktatoren passt. Für den russischen Diktator Putin hat Longevity angeblich höchste Priorität. Für ihn heißt das, möglichst lange zu leben und möglichst lange zu herrschen. Er will Russland zur führenden Nation der Longevity-Forschung machen. Das Gesundheitssystem für die Mehrheit der Menschen ist hingegen vernachlässigt. Die Lebenserwartung in Russland liegt zehn Jahre unter dem europäischen und westlichen Durchschnitt. Auf der anderen Seite frage ich mich, wie erstrebenswert das „lange Leben“ oder gar die „Unsterblichkeit“ eigentlich ist. Wir leben jetzt schon in überalterten Gesellschaften. Wer das eigene Leben mit diesen brachialen und aufwändigen Methoden verlängern will, hat vermutlich auch wenig Zeit für Familie oder gar Kinder. Und wie lange lassen sie die notwendigen harten Trainingsmethoden eigentlich langfristig durchhalten? Und wäre es nicht schöner, ein sinnerfülltes, sozial eingebundenes, kreatives Leben zu führen? Sind Pausen und Auszeiten, Gelassenheit und ein gewisses Maß an Prokrastination nicht auch für ein gutes Leben nötig? Gesundheit ist ja nicht nur Kraft.
Nebenbei werden natürlich auch die üblichen Füllwörter entsorgt, von „genau“ über „auch“, „zeitnah“, „sozusagen“, „eigentlich“, „erdenklich“.
Auch „Technologieoffenheit“ soll weg, obwohl es doch eigentlich sehr positiv und zukunftszugewandt klingt. In der Praxis ist es aber ein gern genutzter Euphemismus, um neue Technologien auszubremsen und ein Festhalten an alten Technologien zu fördern. Insbesondere in der Klimadebatte findet es immer wieder Anwendung und wird gegen die politische Förderung eines gezielten Technologiewechsels in Stellung gebracht, z. B. Verbrennerautos gegen E-Autos, Kohlekraftwerke und Atomkraftwerke gegen erneuerbare Energien, Gasheizung gegen Wärmepumpen. Während Klimaschützer eine zielgerichtete Förderung neuer klimafreundlicher Technologien anmahnen, bremsen Lobbyisten und konservative Politiker.
Was bleibt am Ende von der Zukunft? Von den Utopien? Die Bereitschaft zur Sprachsäuberung ist hoch. Viele Menschen regen sich über Sprache auf. Den einen ist sie zu unpräzise, den anderen zu hart, zu diskriminierend oder zu fremd. Die kleinen Füllwörter nerven, egal, wie germanisch-mittelhochdeutsch ihr Ursprung ist. Effektiv soll die Sprache sein, zu keinen Missverständnissen führen. Anglizismen und Denglisch gehören zu den besonders gehassten Wörtern. Und irgendwie steckt in uns allen die Hoffnung, dass mit dem bösen Wort auch die böse Sache verbannt werden kann. Eine Art magisches Denken. Wenn ich das Wort „Krieg“ vernichte, glaubt irgendetwas tief in meinem Unterbewusstsein, ich hätte tatsächlich etwas gegen Krieg getan. Das ist allemal einfacher, als gegen reale Kriege, Umweltverschmutzung oder den Klimawandel zu kämpfen. Ein Wort ist schnell entsorgt. Gerne halten wir das Wort bereits für die Tat. Ich fürchte, die meisten von uns sind schlicht Maulhelden. Im bequemen Sessel, in gut geheizten Räumen, überversorgt mit allem, was zum Leben nötig ist, mit der Möglichkeit, sich fast alle Wünsche auf Knopfdruck zu erfüllen, lässt es sich leicht von der „Macht der Sprache“ schwadronieren.
Es bleibt aber auch die Erkenntnis, wie wichtig die echte Kommunikation von Mensch zu Mensch für den sozialen Zusammenhalt ist. Der Worttausch ist ein Symbol, ein Anlass für einen echten Austausch. Es erstaunt mich immer wieder, wie lange sich die Menschen für dieses „unsinnige“ Projekt Zeit nehmen, wie sie sich gegenüber einem völlig fremden Menschen wie mir plötzlich öffnen und einfach mal Dinge erzählen, die man nicht täglich am Mittagstisch bespricht und schon gar nicht mit Fremden. Es gibt eine Bereitschaft, mir in meiner seltsamen Rolle als selbsternannter künstlerischer Büroleiter Gedanken anzuvertrauen, die im eigenen Umfeld vielleicht schwer zu vermitteln sind. Menschen glauben zunehmend, sich im öffentlichen Raum mit ihren Meinungen nicht mehr uneingeschränkt äußern zu können. Hier gibt es noch gute alte analoge Kommunikation. Hier ist kein Shitstorm zu erwarten, wenn mal obskure Ideen geäußert werden. Freiheit braucht Intimität und physische Privatsphäre. Vielleicht ist es doch keine gute Idee, alles Private öffentlich zugänglich zu machen. Das Private IST politisch, aber eben gerade dadurch, dass es privat bleibt.
Zum Glück waren bisher alle Gespräche von gegenseitigem Respekt geprägt. Es fühlt sich ein bisschen wie eine Therapiesession oder wie die unerwarteten persönlichen Gespräche in der Bahn oder beim Trampen an. Auch für mich ist diese Art von Austausch selten geworden.
